Stellvertreterkrieg – Der regionale Krieg um Syrien

Der Arabische Frühling ist schon lange vergangen und wir befinden uns im Spätherbst des Nahen Ostens. Ob die Situation weiter eskaliert oder sich beruhigt – wer kann das voraussagen? Aber vieles deutet auf eine Verlängerung der Konflikte hin, mit dem Zentrum Syrien.

Neben dem Staatenzerfall Libyens, über den kaum noch berichtet wird, ist besonders Syrien betroffen von den Nachwirkungen des Arabischen Frühlings. Die simple Nachrichtenlage ist: Baschar al-Assad kämpft gegen die Aufständischen. Aber das ist zu verkürzt. Es geht weder um al-Assad noch um die Rebellen, der Konflikt ist vielfältiger; es sind Konfessionen, regionale Mächte und zunehmend nach Freiheit strebende Völker.

Für eine Übersicht der komplexen Region, ist dieses Stratfor-Video gut geeignet.

Konflikt Nr. 1, die regionalen Mächte

Es gibt drei regionale Mächte, die um die Vorherrschaft ringen: die Türkei, der Iran und Saudi-Arabien. Die Konfliktlinien sind: Türkei gegen den Iran und Saudi-Arabien gegen den Iran. Der Iran steht allein da, ist aber stark mit Geheimdienst und über schiitische Gläubige in andere Länder vernetzt und im Inneren relativ stabil.

Die Türkei (70 Mill. Einwohner) ist als Erbin des osmanischen Reiches eine klassische Großmacht, die nur im 20. Jahrhundert, angesichts der Übermacht der Europäer, schwächelte. Unter Ministerpräsident Erdogan will sie nun neue Stärke bekommen. Seine Auftritte in Deutschland, in denen er die Beibehaltung der türkischen Identität forderte, sprachen eine deutliche Sprache. Auch seine Politik zu den Nachbarländern der Türkei, die neue dominante Haltung gegenüber Israel und gar der Versuch auf alte Turk-Wurzeln zu bauen und Wirtschaftskontakte in Richtung Turkmenistan und Umgebung zu stärken, zeigen seinen Willen nach Größe.

Mit dem Beginn der Kämpfe in Syrien wird der Anspruch, eine regionale Macht zu sein, auf die Probe gestellt. Die Türkei muss an ihrem längsten Grenzabschnitt, der syrischen Grenze, für Frieden sorgen. Zeitgleich überschneidet sich in Syrien der Einflussbereich der Türkei mit den Interessen des Irans einen Korridor von den Schiiten Iraks bis zu den Schiiten Libanons zu haben. Eine weitere Gefahr droht von der zunehmenden Autonomie der Kurden im Irak und in Syrien. Ihr Zugewinn an Freiheit bekräftigt bei den Kurden in der Osttürkei den Traum von einem eigenen Staat Kurdistan.

Zwischen der Türkei und dem Iran ist kein Krieg zu erwarten. Allerdings ist es der Türkei wichtig, dass der Iran auf seinen persischen Bereich beschränkt bleibt. Die Türkei versucht deshalb die westlichen Mächte zu mehr Engagement zu bewegen, damit zeitgleich al-Assad abtritt und unter den Aufständischen Syriens nicht die Islamisten gewinnen. Beide sind für die Türkei ein Sicherheitsproblem und zusätzlich eine Beschneidung ihres Einflussbereichs nach Süden. Wenn durch internationales Engagement ein Syrien entsteht, das nicht von Rebellen und nicht von Vasallen Irans beherrscht wird, wäre dieser Staat automatisch machtpolitisch an die Türkei angebunden.

CC-Lizenz, Quelle: http-//www.flickr.com/photos/syriafreedom/6959649295/

CC-Lizenz, Quelle: http-//www.flickr.com/photos/syriafreedom/6959649295/

Saudi-Arabien (27 Mill. Einwohner) und der Iran (80 Mill. Einwohner) stehen schon immer im direkten Konflikt. Sie sind direkte politische Rivalen und religiöse Schutzmächte unterschiedlicher Konfessionen. Und sie sind nur durch den persischen Golf getrennt (die Araber nennen es den arabischen Golf), auf dessen Kontrolle beide Länder Ansprüche erheben. Über Land ist die Strecke etwas weiter und das Terrain nicht günstig, sodass ein direkter Krieg beider Länder unwahrscheinlich ist.

Bis 1979 war der Iran der deutlich dominierende Staat im Nahen und Mittleren Osten. Nur das Öl des östlichen Saudi-Arabiens, das Reichtum brachte und der Schutz der USA, haben Saudi-Arabien zu einer Regionalmacht werden lassen. Die Bevölkerung wuchs stark an und in der Wüste ließ es sich, dank westlicher Technik und unbegrenzter Energieressourcen, auf einmal gut leben. Zeitgleich wurde der Iran international isoliert und mit Sanktionen belegt.

Es droht akut kein Krieg. Aber kleinere Konflikte in der gemeinsamen Einflussphäre werden schnell von beiden Seiten genutzt. Der Irak liegt zwischen beiden Ländern und ist zu einem Spielball ihrer Diplomatie und Infiltration geworden. Auf Seiten des Irans kann zudem immer über die schiitische Gemeinschaft im ölreichen Osten Saudi-Arabiens intern Unruhe gestiftet werden. Saudi-Arabien demgegenüber versucht die USA militärisch auf seiner Seite zu halten und mit Geld verschiedenste extremistische, sunnitische Gruppen zu finanzieren, die gegen iranische Verbündete (Al-Assad, Hisbollah, irakische Politiker) kämpfen. Syrien ist somit eine große Chance für Saudi-Arabien im Machtpoker mit dem Iran. Ein Verbündeter Irans wäre geschwächt und die sunnitische Mehrheit könnte das Land übernehmen und wäre langfristig dem Finanzier Saudi-Arabien zu Dank verbunden.

Aber Saudi-Arabien hat seit kurzem große Probleme. Die USA wenden sich dem Iran freundlicher zu und sind an einem Machtgleichgewicht interessiert. Ein Grund könnte sein, dass die strategische Bedeutung des saudischen Öls abgenommen hat, da Schiefergas in Amerika und anderen Teilen der Welt die Abhängigkeit vom Golf mindert. Importeure Saudi-Arabiens bleiben die Europäer und mit zunehmendem Anteil der Ferne Osten. Die USA binden viele Kräfte, um den Iran zu kontrollieren und einzuhegen. Dies können sie sich in Zukunft sparen.

Ein Machtgleichgewicht ist jedoch nicht das, was Saudi-Arabien braucht. Es ist kleiner und militärisch und strategisch niemals dem Iran gewachsen. Deshalb wird der Bürgerkrieg in Syrien ab sofort stärker genutzt werden müssen. Eine iranische Dominanz vom Irak über Syrien bis zur Hisbollah im Libanon fürchtet man im Süden.

Konflikt Nr. 2, die Religion

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist so alt wie der Islam selbst. Eher noch älter. Kurz zusammengefasst, für einen Sunniten ist der Schiit kein richtiger Gläubiger, während dieser meint, in der direkten Nachfolge Mohammeds zu leben.

Der Iran, Aserbaidschan und der Irak haben eine schiitische Bevölkerungsmehrheit. Der Libanon und die arabischen Regionen am persischen Golf haben beträchtliche schiitische Minderheiten. Deshalb ist der Iran, als größtes der Länder, Schutzpatron der Schiiten. Syrien ist in keinster Weise ein schiitisches Land, drei Viertel des Landes sind sunnitischen Glaubens. Aber die Führung besteht aus Alawiten, einer schiitischen Sondergruppe. Den Großmächten und Regierenden sind die Glaubenshintergründe im Grunde nicht so wichtig, doch der Begeisterung der eigenen Kämpfer nutzt die Betonung dieser Unterschiede. Mit der Betonung der gemeinsamen Identität und der Falschheit des Feindes lassen sich am günstigsten Kämpfer rekrutieren.

Insbesondere für Saudi-Arabien zahlt es sich aus, als kleinerer, aber reicher Staat, gegen den Iran mit ideologisierten Rebellen kämpfen zu können. Von saudischem Geld, nicht unbedingt aus Staatskassen, sondern auch privat und über dunkle Kanäle, werden verschiedenste Rebellen oder auch Al-Qaida-Gruppen in Syrien ausgerüstet. Diese kämpfen nun gegen die schiitischen Abweichler und für einen sunnitischen Gottesstaat. Dabei wird ein hohes Risiko eingegangen, da die Gruppen nicht unter der direkten Kontrolle Saudi-Arabiens stehen. Sie wollen langfristig ihren Gottesstaat in allen Ländern der Welt errichten, irgendwann wahrscheinlich auch in Saudi-Arabien.

Der Iran demgegenüber ist verbündet mit Baschar al-Assad. Somit kämpft auf seiner Seite die syrische Armee. Zudem ist im Libanon und damit so gut wie in Syrien, seit Jahrzehnten die Hisbollah aktiv; eine schiitische Partei und Miliz, nebenbei die Erfinderin des modernen Selbstmordattentats mit Sprengstoffgürtel. Sie wird direkt vom Iran finanziert und gesteuert. Die Hisbollah ist bereits seit einigen Monaten zur Unterstützung von al-Assads syrischer Armee rund um den Libanon aktiv. Für den Iran besteht die Gefahr, dass seine beste antiisraelische Waffe und das Instrument zur Kontrolle des Libanons, nun im Kampf um Syrien aufgerieben wird. Der Vorteil ist, eine starke strukturierte Macht zu besitzen, die flexibel zur Unterstützung seines Verbündeten eingesetzt werden kann. Im Gegensatz zu Saudi-Arabien kann der Iran auf seine Truppen vertrauen, sie sind direkt Befehlen aus Teheran hörig.

Konflikt Nr. 3, es geht auch um den Irak

In Deutschland bekommt man es kaum noch mit – denn Anschläge sind nur schlimm, wenn westliche Bürger betroffen oder westliche Staaten schuld sind – es gibt weiterhin täglich Anschläge im Irak. Der Irak befindet sich intern in einer enorm schwierigen sicherheitspolitischen Lage. Zudem grenzt er direkt an Syrien an. Waffen und Menschen können jederzeit ungehindert transferiert werden. Wie als Bestätigung, dass die zwei Konflikte zusammenwachsen, hat die Al-Qaida im Irak nun Syrien mit in ihren Namen aufgenommen, sie heißt: Islamischer Staat im Irak und der Levante. Allerdings sind die Bevölkerungszentren Syriens weit entfernt von der irakischen Grenze und der Irak hat bestehende staatliche Strukturen, die einen offenen Bürgerkrieg verhindern, weswegen man die beiden Konflikte vorläufig noch getrennt betrachten darf.

Aber auch hier haben Saudi-Arabien und Iran ihren Stellvertreterkrieg. Der Anteil der Konfessionen an der Bevölkerung ist umgedreht zu Syrien: Zwei Drittel Schiiten, ein Drittel Sunniten (und ein paar verfolgte und flüchtende Christen). Mit dem Rückzug der USA liegt somit der irannahen Mehrheit die Macht in den Händen. Täglicher Terror lässt den gesamten Staat jedoch instabil aussehen. Nur der kurdische Norden behauptet sich gut.

Von einer Ausweitung der Kämpfe in Syrien wäre als erstes der Irak betroffen, da es dort keine staatliche Macht gibt, die dem Bürgerkrieg wehren würde. Ein direktes militärisches Einschreiten umliegender Mächte wäre beim Irak aber zu erwarten. Im Gegensatz zu Syrien, welches lediglich ein wenig Industrie und Landwirtschaft besaß, hat der Irak genügend leicht zu förderndes Erdöl. Eine gute Quelle für schnelle Einkünfte.

Konflikt Nr. 4, neue Staaten – Kurdistan?

Zuletzt ist noch eine kaum beachtete Konfliktlinie zu betrachten: Alte Staaten vs. neue Staatenbewegungen. In Libyen ist schon zu sehen, dass aus dem zerbrechenden Staat heraus, drei ältere Identitäten hervortreten. Die kolonialen Grenzen werden in Frage gestellt. Auch im Nahen Osten bestehen koloniale Grenzziehungen, die, je länger der Konflikt andauert, deutlich werden.

Flagge Kurdistans - CC-Lizenz, Quelle:  http://www.flickr.com/photos/kurdistan4all/3333590254/

Flagge Kurdistans – CC-Lizenz, Quelle: http://www.flickr.com/photos/kurdistan4all/3333590254/

Die größte Frage dreht sich um die etwa 28 Millionen Kurden; die weltweit größte ethnische Gruppe, ohne eigenes Land. Die kurdischen Gebiete waren lange Zeit die unruhigen Teile der Region. Jetzt, wo es an vielen Stellen brennt, hilft grade die kurdische Identität den Menschen, sich aus den Unruhen herauszuhalten und Ordnung in ihre Landesteile zu bringen. Mit der eigenständigen Herstellung einer funktionsfähigen Ordnung und Durchsetzung des Rechts in ihren Gebieten, haben sie quasi-staatliche Funktionen übernommen.

Al-Assads Armee kann schon lang nicht mehr im kurdischen Nordosten die Sicherheit garantieren. Also halten die kurdischen Syrer ihr Gebiet frei von islamistischen Rebellen, allen voran der Al-Nusra-Front und dem Islamischen Staat im Irak und der Levante (Al-Qaida). Diesen Monat gar verkündete das kurdische Syrien eine eigene Interimsregierung.

Diese Entwicklung wird in der Türkei, dem Irak und der Türkei mit Argwohn beobachtet. Denn alle drei Länder haben kurdische Minderheiten, in der Türkei und dem Irak bewohnen sie große Landesteile. Alle Akteure müssen sich auf die wachsende Unabhängigkeit des syrischen und irakischen Kurdengebiets einstellen.

Ein kleineres Gebiet, das Eigenständigkeit erreichen könnte, ist der westliche Teil Syriens, die Gegend um das Alawitengebirge am Mittelmeer. Sollten die sunnitischen Kämpfer die Oberhand in Syrien gewinnen, muss al-Assad darauf bedacht sein, die Alawiten zu schützen. Sonst drohen Massaker an seiner Gruppe. Die Konzentrierung der Kämpfe um die syrische Stadt Homs ist ein Hinweis darauf, dass er Vorkehrungen trifft. Allerdings ist seine Armee in den letzten Monaten im Vormarsch und ein einigeln der Alawiten vorerst nicht nötig.

Der Libanon wird sich als eigenständiger und ungeteilter Staat halten, denn keine der libanesischen Gruppen (Christen, Sunniten, Schiiten und verschiedene Minderheiten) ist stark genug, die anderen herauszufordern. Der Libanon ist geographisch keine künstliche Einheit und wird auch von gemeinsamer Geschichte zusammengehalten. Alles Faktoren, die für ein Weiterbestehen sprechen. Allerdings ist zu erwarten, dass der Bürgerkrieg aus Syrien immer weiter eingetragen wird.

Jordanien ist bislang nur von den Flüchtlingsströmen, etwa 600.000 Syrer, betroffen; was bereits eine schwere Bürde ist. Es hat aber noch keine Kampfhandlungen auf seinem Territorium. Der Staat ist künstlich geschaffen und die Grenzen sind künstlich gezogen, auch die Herrscherfamilie wurde von aussen zu Zeiten der Entkolonialisierung von den Briten eingesetzt. Dies sind keine guten Voraussetzungen für ein Weiterbestehen Jordaniens, sollte der Bürgerkrieg mit den Flüchtlingen ins Land getragen werden. Jetzt schon wird das Königshaus nur von den früheren Nomaden gestützt, die mittlerweile unter 50% der Bevölkerung ausmachen. Palästinensische Langzeitflüchtlinge und neue syrische Flüchtlinge könnten eine explosive Mischung ergeben. Jordanien ist nun vor allem von der Unterstützung der Flüchtlinge durch die westliche Gemeinschaft und der Protegierung seines südlichen Nachbarn, Saudi-Arabiens, abhängig. Das Land selbst ist arm an Bildung, Landwirtschaft, Industrie und Ressourcen.

Fazit

Wir haben es derzeit „nur“ mit einem internen Bürgerkrieg in Syrien zu tun, der das Potential zur Ausweitung hat, regional und zeitlich. Der Konflikt wird kaum als ein Krieg der Regionalmächte Iran und Saudi-Arabien gegeneinander enden, denn nicht Territorium, sondern Einflusszonen sollen gewonnen werden. Allerdings wird jeder sich bietende Konflikt benutzt, um die eigene Liga zu stärken. Das bedenkliche Szenario, was vor meinem inneren Auge erwächst, ist der 30-jährige Krieg, der im 17. Jahrhundert Mitteleuropa verwüstete. Dieses mal mit Syrien und einem Teil Iraks in der Mitte, als Austragungsort der Stellvertreterkriege der umliegenden Regionalmächte.

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