Der Mindestlohn – Pro oder Contra

Der Mindestlohn ist derzeit sehr angesagt in Deutschland. Mehr als 80% der Deutschen favorisieren ihn, die SPD und alle Linken sowieso. Was sollte die Bürgerlichen von der Einführung noch abhalten?

Die Argumente Pro Mindestlohn sind kurz und knapp: Ein Mindesteinkommen für alle Arbeitnehmer muss her, dass jeder von seiner Arbeit auch Leben kann. Daraus folgender Kaufkraftanstieg wird einen Binnenaufschwung der Wirtschaft erzeugen. Eine Win-Win-Situation.

Die Argumente dagegen sind: Höhere Arbeitslosigkeit entsteht bei den schlechter Ausgebildeten und bei Jugendlichen, mitsamt einer Abwanderung von Arbeitsplätzen in andere Länder.

Bei allen Vor- und Nachteilen wird gern der Ländervergleich herangezogen. Dieser ist aber ein Äpfel-Birnen-Vergleich, da der Arbeitsmarkt aus vielen nationalen Regelungen und Besonderheiten besteht und nicht nur dem Mindestpreis der Arbeit. Es gibt trotzdem interessante Einblicke: Da wäre z.B. das sozialistische Kuba mit fünf kubanischen Cents die Stunde, die USA mit einem bundesstaatlichen Mindestlohn von $7.25 und jeder Staat und jede Stadt kann für sich einen eigenen, höheren Satz beschließen. So ist in Sea Tac (Washington) $15 je Stunde zu zahlen. In Australien sind es $16 (Australische Dollar!).

Das erste Argument, der Lohn zum Leben

Jeder benötigt heute Geld zum überleben. Den eigenen Kartoffelacker hinter dem Haus hat kaum noch einer. Allein das Geld kann aber nicht der Grund für einen Mindestlohn sein, denn hier ist die Grundsicherung mit ALG II gegeben. Ab 2014 sind es monatlich für Alleinstehend 391€, zuzüglich der Kosten der Unterkunft. Bei den heutigen Mieten und Heizkosten kommen kombiniert an die 700€ zusammen. Wir haben folglich in Deutschland eine fiktive Lohnuntergrenze, die bei etwa 700€ netto, ca. 900€ brutto, im Monat liegt. Nahe an dieser Grenze, oder darunter, lohnt es sich nicht, Arbeiten zu gehen. Weiterhin gehen aber Menschen für niedrigere Löhne arbeiten. Der einzige Grund ist, dass sinnvolle Arbeit an sich ein Wert ist. Diese bekommen auf Antrag die Lohndifferenz vom Staat gezahlt. Der Mindestlohn würde die Grenze um etwa 350€ auf 1250€ Bruttolohn anheben, was 950€ Nettolohn entspricht. Aufstocken über ALG II wäre somit nicht mehr nötig.

Mehr Konsum?

Wenn alle Arbeitnehmer, die unter dieser Lohngrenze liegen, in Arbeit bleiben, werden sie einen deutlich spürbaren Lohnzuwachs erfahren und mehr konsumieren können. Allerdings muss das Geld von jemandem kommen, dem lohnzahlenden Arbeitgeber. Dieser kann dann weniger Investieren, Gewinne selbst ausgeben oder Renditen an Anleger (z.B. Bürger oder Rentenkassen) zahlen. Am Ende ist es mehr oder weniger ein volkswirtschaftliches Nullsummenspiel. Das Geld wird ausgegeben, es ändert sich nur, wer es ausgeben darf.

Mehr Arbeitslosigkeit?

Gegen den Mindestlohn spricht die zu erwartende höhere Arbeitslosigkeit. Unternehmen, die in diesem Lohnbereich agieren haben selten höher ausgebildete Angestellte. Es stehen ihnen nun drei Möglichkeiten offen, auf den Mindestlohn zu reagieren: (1) Die Preise ihrer Produkte zu erhöhen (bei Friseuren könnten Kunden zum selbst frisieren ausweichen, bei produzierendem Gewerbe steigt mit dem Preis die Konkurrenz zum Ausland), (2) Arbeitnehmer entlassen und versuchen mit weniger Leuten die gleiche Arbeit zu schaffen, etwa unter Einsatz von mehr Maschinen oder (3) Arbeit ins Ausland verlagern. Ein Mindestlohn wird den Anteil der schlecht Ausgebildeten am Arbeitsmarkt verringern. Diese haben durch die Technisierung der Wirtschaft bereits jetzt wenig Möglichkeiten am Arbeitsmarkt. Die Sockelarbeitslosigkeit wird steigen.

Ausserdem wird es weniger Jobs geben für Teilzeitbeschäftigte, die sich zu einem bereits vorhandenen Haushaltseinkommen ein Zubrot verdienen wollen. Arbeiten die rund um den Haushalt zu tun sind, werden dann stärker selbst ausgeführt, Hilfskräfte in Läden werden eingespart.

Es gibt natürlich auch noch kriminelle Arten, auf einen Mindestlohn zu reagieren. Im Einvernehmen mit dem Angestellten kann z.B. geklärt werden, dass offiziell 4 Stunden gearbeitet werden, inoffiziell er aber 8 Stunden am Arbeitsplatz ist. Solcher Art Vertrag scheint bei manchem Imbiss schon jetzt gang und gäbe. Alles bleibt beim Alten, nur der Vertrag ist manipuliert. Aufstocken über ALG II wäre wieder nötig. Ein anderer ist, dass Arbeitsverhältnisse erst gar nicht beim Finanzamt angegeben werden, was sich für alle kleineren Arbeiten rund ums Haus anbietet.

Wie kann man einen Mindestlohn einführen, ohne schädliche Nebenwirkungen?

Die Garantie für das Scheitern des Mindestlohnes, ist die starre Einführung von 8,50€ pro Stunde in ganz Deutschland. Während in München es kaum Effekte haben dürfte, weder positive noch negative, ist in schlechter entwickelten Regionen der Wirtschaftskreislauf gestört. Dienstleistungen sind an der Grenze zu Polen und Tschechien jetzt schon schwierig anzubieten; es wird noch mehr aus der Grenzregion auf die andere Seite wandern. Unternehmen, die nur wegen der günstigeren Löhne nach Ostdeutschland gegangen sind, werden Richtung Osteuropa Ausschau halten. Die Abwanderung betrifft nicht nur Ungelernte, sondern auch viele Ostdeutsche, die Berufe gelernt haben, die heute nicht mehr nachgefragt werden, wie etwa Textilfacharbeiter. Bis zu einem Drittel der ostdeutschen Löhne würden angehoben. Wieviele davon dann wegfallen würden ist unklar. Diese starre Grenze würde Metropolregionen mit Universitäten und Großunternehmen nicht treffen und Randregionen ausdörren. Ein auf Bundesländer, oder noch besser Landkreise, angepasster Mindestlohn kann dies verhindern.

Wie kann der Mindestlohn eine vernünftige Höhe haben?

Sobald ein Mindestlohn existiert, wird das Thema als politische Forderung nicht verschwinden, sondern die Höhe als Dauerbrenner politischer Auseinandersetzung bestehen bleiben. Die LINKE fordert jetzt schon, über 10€ zu gehen. Großbritannien hat dies gut mit einer Kommission aus Wissenschaftlern, Gewerkschaftern und Arbeitgebern gelöst, die verantwortlich für die Höhe ist. Dies hilft vor allzu schädlichen, politisch motivierten Ausschlägen.

Was sind die Negativbeispiele für einen Mindestlohn?

Frankreich. Hier ist der Mindestlohn 9,43€ pro Stunde. Zudem gibt es keine Facharbeiterausbildung für Jugendliche. Beides zusammen erschwert den Zugang zum Arbeitsmarkt, weshalb die Jugendarbeitslosigkeit hier über Jahrzehnte um die 20% liegt (in Deutschland meist unter 10%).

Wem schadet der Mindestlohn?

Denjenigen, die eine geringe Qualifizierung haben. Auf eine fiktive Person gebracht, dem Jugendlichen mit Migrationshintergrund in strukturschwacher Region.

Der Mindestlohn schadet am wenigsten, wenn er so niedrig ist, dass er fast niemanden trifft und schadet am meisten, wenn er viele Löhne anheben will. Dann beginnen starke Verdrängungseffekte. Die Vorteile eines Mindestlohns werden nach kurzer Zeit durch die Nachteile übertroffen. Das könnte ein guter Grund für Angela Merkel sein, den Mindestlohn auf 2016 verschieben zu wollen. Da treffen die negativen Effekte hoffentlich im Bundestagswahljahr 2017 noch nicht allzu deutlich ein.

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5 Gedanken zu „Der Mindestlohn – Pro oder Contra

  1. ludwigwinter Autor

    Bei dem Vergleich der Länder muss noch ergänzt werden, dass 8,50€ in Deutschland das Arbeitnehmerbrutto bezeichnen. Da der Arbeitgeber, anders als in den Vergleichsstaaten, noch Sozialausgaben leistet, ist von reichlich 10€ Mindestlohn Arbeitgeberbrutto auszugehen. Das liegt oberhalb von Frankreich!

    Antwort
    1. bertrandolf

      @ ludwigwinter
      Zahlen die Arbeitgeber in Frankreich keine Sozialabgaben? 😉

      @blogautor
      „Dieser kann dann weniger Investieren, Gewinne selbst ausgeben oder Renditen an Anleger (z.B. Bürger oder Rentenkassen) zahlen. Am Ende ist es mehr oder weniger ein volkswirtschaftliches Nullsummenspiel. Das Geld wird ausgegeben, es ändert sich nur, wer es ausgeben darf.“
      Diesen Punkt, den du so lapidar als Nullsummenspiel abhandelst, ist immeninent wichtig. Wie verwenden bestimmte Personengruppen das Einkommen. Und in was soll ein Unternehmer investieren, wenn keine Löhne ausgezahlt werden und es wenig Nachfrage gibt?
      Und die Zeiten sind nicht allzugut, es gibt kaum gute Investments und keine Zinsen mehr. Die Unternehmen und Menschen, die weit mehr verdienen als sie zum Leben brauchen investieren in zweifelhafte Anlagen. Daher kommen auch die Blasen an den Börsen und zweifelhafte Anlagen wie die Subprimekredite, die die Finanzkrisen irgendwann auslösen…

      Antwort
  2. ludwigwinter Autor

    Ich muss mich korrigieren, der Mindestlohn in Frankreich bleibt oberhalb des deutschen Plans. (http://logicorum.wordpress.com/2013/10/17/ach-diese-franzosen-mit-ihrem-mindestlohn-und-die-koalition/). Ich bin davon ausgegangen, dass in Frankreich Arbeitgeberbrutto und Arbeitnehmerbrutto das selbe sind und sie nicht wie in Deutschland die Illusion aufrecht erhalten, der Arbeitgeber würde etwas zahlen und der Arbeitnehmer etwas. Aber das machen sie genauso wie wir.

    Antwort
    1. bertrandolf

      Und für die Jugendlichen und Arbeitsmarkteinsteiger gilt der Mindestlohn in Frankreich ebenfalls nicht, deswegen fällt dieser Grund doch weg… Der Mindestlohn ist doch weitaus komplizierter wie angenommen.

      Antwort
  3. ludwigwinter Autor

    Das stimmt bedingt, denn es ist auf eine kurze Zeit gefasst. Auszubildende bringen in vielen Berufsbereichen ihren Lohn ja erst im dritten Ausbildungsjahr und dieser liegt derzeit unter dem angepeilten Mindestlohn. Ausnahmen beim französischen Mindestlohn sind nur für folgende Gruppen zulässig:
    – Jugendliche unter 18 Jahren mit weniger als sechs Monaten Berufserfahrung,
    – junge Auszubildende,
    – Jugendliche, die vor der Berufsausbildung ein Praktikum absolvieren,
    – Behinderte.

    „So erhalten Jugendliche, die jünger als 18 Jahre alt sind und weniger als sechs Monate Berufserfahrung mitbringen 90% des Mindestlohnes und Jugendliche unter 16 Jahren mit ebenfalls weniger als sechs Monaten Berufserfahrung 80% davon. Außerdem gibt es Sonderregelungen für Menschen mit Behinderungen und Kriegsverletzungen.“

    Mindestlohn seit 1.1.2014 pro Stunde 9,53 € pro Monat bei 35 Std. Woche 1 445,38 €.

    90% = 8,58€
    80% = 7,62€

    Dies gilt für die ersten 6 Monate.

    Antwort

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